Montag, 10. März 2014

Wie bekommt man Lehrer dazu, OER zu erstellen?

Vorweg:

Beim OERcamp in Köln am 21.09.2013 habe ich eine Session angeboten, die sich aus vergangenen Diskussionen um die bisher deutlich begrenzte Bekanntheit freier Bildungsmaterialien in deutschen Schulen und dem damit verbundenen bescheidenen Output an OER ergab. Meine Vorstellung, man könne mit guten Infobroschüren, -plakaten und -filmchen über OER dieses Thema in Schulen bekannt machen, muss als naiv betrachtet werden. Ich musste mir diese falsche Vorstellung eingestehen. In meiner Session (und nun auch in diesem Blogbeitrag) soll(te) dargestellt werden, warum OER (noch) kein Thema für die meisten Schulen ist. Aber auch, wie man das ändert!

Was sind die typischen Hinderungsgründe eines Lehrers bei der Erstellung und welche Lösungsansätze gibt es, OER dennoch in die und aus der Schule zu bekommen?

In meinem Blogbeitrag vom 10. Juli 2013 habe ich bereits aufgezeigt, welche Hinderungsgründe mich, als bekennenden Digitaldidaktiker, in meiner OER-Produktion bremsen. Diese Erkenntnisse sind jedoch keinesfalls auf alle Lehrer zu übertragen. Anderen Lehrern sehen vor allem in der Technik, dessen Einsatz zur Produktion und Nutzung von OER im Unterricht z. T. vonnöten ist, eine Hürde.


CC-BY-SA von Roger und Renate Rössing/ Deutsche Fotothek
Quellen und Lizenztext siehe unten.

 1. Hinderungsgründe

  • Analoge Vorbereitung: Eine nicht unerhebliche Anzahl an Kollegen arbeitet bei der Erstellung ihrer Arbeitsblätter nicht nur deshalb noch mit Schere und Klebe, weil es so schnell und unkompliziert geht, sondern, weil sie keine digitalen Arbeitsblätter erstellen können. Texterkennungsprogramme können nicht bedient werden und Texte einzutippen dauert verhältnismäßig lange, wenn man nicht wirklich flüssig tippen kann. Diagramme herzustellen, eigene Zeichnungen einzuscannen ect. all das dauert aufgrund der fehlenden Übung entweder zu lange, oder es fehlt schlicht das nötige Wissen hierzu. Von der Erstellung von Hörbeiträgen, Lehrfilmchen und interaktivem Arbeitsmaterial ganz zu schweigen.

CC-BY-NC-ND 2.0 von Iñaki Pérez Aguado
Quelle und Lizenztext siehe unten.

  • Analoger Unterricht: Wer nicht digital arbeiten lässt, hat wenig Grund OER zu nutzen bzw. zu produzieren. Lehrwerke liegen vor und sind z. T. langjährig erprobt. Arbeitsblätter von Verlagen gibt es reichlich. Sie dürfen analog ohne Probleme eingesetzt werden (digital zwar kaum aber dieses Problem haben Analoglehrer ja nicht). Dabei sind die Gründe, unplugged zu arbeiten keinesfalls immer in fehlender Medienkompetenz zu suchen. Manche Kollegen sind wahre Meister darin, Arbeitsblätter mit Officeprogrammen zu erstellen. Sie lassen jedoch selten bis nie Schüler mit digitalen Endgeräten arbeiten. Die Gründe sind vielfältig und reichen von ökologischen Bedenken über pädagogische Zweifel bis zur Angst vor Kontrollverlust (an dieser Stelle verweise ich, wie schon in einem vorigen Blogbeitrag, auf Beat Doebeli Honeggers Argumentesammlung). Wenn alle digitalen Verbreitungswege ausfallen, da sie nicht im Unterricht eingesetzt werden, würden sich OER im Wesentlichen auf Arbeitsblätter beschränken, die wiederum die Kopierkosten in die Höhe treiben und die Möglichkeiten, die freie Bildungsmaterialien bieten, nicht im Ansatz ausschöpfen. Ein Lehrer, der seit Jahren mit einem guten Schulbuch arbeitet, wird zurecht darauf hinweisen, dass ein frei lizensiertes Arbeitsblatt mit Aufgaben und Erklärungen unnötig ist, da dies auch das besagte Buch bietet. 
  • Angst vor kollegialer Schelte: Jens Best wies in der Diskussion zur Session darauf hin, dass kollegialer Austausch von Materialien häufig auch mit der Angst verbunden ist, dass man statt eines Dankes oder anderer Materialien, sein eigenes Arbeitsmittel korrigiert zurückbekommt. Nach dem Motto: "DAS bringst du seit 10 Jahren deinen Schülern bei? Kein Wunder, dass die nichts können." Ursache ist meiner Meinung nach die jahrelange unterrichtliche Isolation von Lehrern. Aufgrund fehlender Feedback- und Evaluationstraditionen in weiten Teilen der Schullandschaft, verlernt man kollegiale Kooperation und Kritikfähigkeit am eigenen Unterricht.

2. Lösungsstrategien:

Kompetenz
Ein in technischen Dingen unerfahrener Kollege wird wenig Sinn in OER sehen.
Ehe OER in einer Schule im großen Umfang produziert werden können, muss deshalb zunächst die Medienkompetenz der Kollegen gestärkt werden.
OER sind mehr als nur Arbeitsblätter. Deshalb muss sich die Medienkompetenzschulung auch auf die Erstellung von Screen- und Podcasts beziehen sowie netzbasierte Dienste oder Apps und Programme vorstellen. Ferner sind digitale Verbreitungs- und Veröffentlichungswege, ob nun öffentlich oder auf dem Schulserver z. B. mit einem Lernmanagementsystem, erstmal kennenzulernen, denn was nützt eine digitale, interaktive, frei lizensierte OER, wenn man sie nicht zu den Schülern bekommt?

Einfache Technik
in meinem Beitrag vom 02.10.13 habe ich über Jöran Muuß-Merholz Aussage zum Wunsch der Lehrer nach funktionierender Technik berichtet. Neben der Kompetenzförderung ist die Schaffung verlässlicher Systeme ein Ansatz zur Förderung des Technikeinsatzes und indirekt zur Förderung von OER.

Nachhaltigkeit
OER sind immer dann nachhaltig und sinnvoll, wenn sie Inhalte behandeln, die sich auf absehbare Zeit nicht ändern werden. Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften sind hier deutlich im Vorteil. Politik und Erdkunde hingegen sind zum Teil auf aktuelle Daten angewiesen. Wer hier viel Arbeit in OER steckt, die nach zwei Jahren bereits wieder veraltet sind, hat den falschen Ansatz gewählt. Also lieber Material zu Vulkanismus anstatt zur aktuellen Handelsbilanz Südasiens entwerfen. 

Public domain (Wikimedia Commons/USGS)

Zwar steckt gerade in OER die Möglichkeit zur Kollaboration, zur gemeinsamen, schnellen und unkomplizierten Erarbeitung und Aktualisierung von Unterrichtsmaterialien, die einem gewissen Aktualitätszwang unterliegen, dies ist jedoch erst möglich, wenn Lehrer ein persönliches Netzwerk zum Austausch und zur Kollaboration aufgebaut haben.
Ein weiter Bereich, der alle Fächer betrifft und relativ stabile Inhalte aufweist, ist der, der Methodik. Wenn eine Schule beschließt, ein verbindliches Methodencurrikulum zu vereinbaren, wäre dies ein ausgezeichneter Ansatzpunkt für OER, da die Inhalte lange Gültigkeit aufweisen. Außerdem sind sie rechtlich sauber (nicht nur) im Kollegium zu verbreiten.

Mehrwert
Es gilt ein besonderes Augenmerk darauf zu legen, Mehrwert zu schaffen. Eräuternde Filme, Animationen und auch Audiobeiträge, die entweder digital zur Verfügung gestellt oder per QR-Code in ein Arbeitsblatt eingebunden werden, ermöglichen Differenzierung. Aufgaben mit spielerischem Charakter (Learning Apps, Quizzlet etc.) lockern auf und motivieren. Diese Vielfalt bietet kein Lehrbuch. Wird dieser Mehrwert verdeutlicht, erhöht sich die Bereitschaft zur eigenen Produktion von OER.

3. Erkenntnisse

Meine To-Do-Liste für die nächsten Jahre, zur Vorbereitung der Verbreitung von OER an der Schule sieht somit wie folgt aus:
  • Fördere die Medienkompetenz der Kollegen.
  • Beginne mit der OER-Förderung bei Unterrichtsinhalten, die langfristig bestehen.
  • Präferiere Mehrwert-erzeugende Formate (Spiele, Quizzes, Audio-, Video- und Slidecasts)
  • Beziehe die (fehlende) Verfügbarkeit digitaler Endgeräte in die Förderempfehlungen ein.
  • Nimm grundsätzliche Bedenken gegen den Einsatz von Technik im Unterricht ernst, diskutiere und offeriere Lösungswege.
  • Fördere Projekte zur kollegialen Rückmeldung um Ängste ab-, und kollegiale Kooperationskompetenz aufzubauen.
Bildnachweise:
Bild mit Hürdenläuferinnen:
Urheber: Roger und Renate Rössing
Originalquelle: Deutsche Fotothek - http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/88897769
Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Bild mit Schere und Klebe:
Urheber: Iñaki Pérez Aguado
Lizenz: CC-BY-NC-ND 2.0
Lizenztext: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/legalcode

Bild mit Vulkan:
Public domain (Wikimedia Commons/USGS)

Logos Audio, Video, Interaktives/Spiele: eigener Entwurf CC BY 3.0


Kommentare:

  1. Die m.E. sehr klarsichtige Analyse imponiert mir, zumal sie nach so vielen Jahren Medienberatung erfolgt. Resignation kann ein Schritt nach vorn sein.
    Das ZUM-Wiki demonstriert freilich, dass für die Arbeitsblättern vorgeordnete Phase wichtige OER auch für weniger technikaffine Lehrer bereitgestellt werden können.

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  2. Ich denke, der auf lange Sicht beste Weg, LehrerInnen dazu zu bringen, OER zu erstellen, zu teilen und im Unterricht zu verwenden, besteht darin, sie schon in der universitären Ausbildung mit den vielen tollen Möglichkeiten, die OER für den Unterricht bereithalten, zu konfrontieren und sie im Umgang mit Neuen Medien auszubilden.
    Ich studiere an der TU Darmstadt „Lehramt an beruflichen Schulen“ und habe in diesem Semester zwei Seminare zu Neuen Medien und E-Learning belegt. In diesen Seminaren kam ich zum ersten Mal mit diesem Thema in Berührung und war erstaunt über die Vielzahl von Möglichkeiten, die sich für den modernen Unterricht eröffnen.
    Dass sich die meisten Lehrer nicht an das Thema OER heranwagen, hat mit Sicherheit oft mit Versagensangst und Unsicherheit zu tun. Im Berufsverständnis des Lehrers ist die Sichtweise fest verankert, dass der Lehrende den Lernenden in seinem Wissen weit voraus ist. Er ist der Experte auf seinem Fachgebiet. Die Vorstellung, sich vor den Schülern beim Einsatz von Neuen Medien als unsicher, unfähig und überfordert zu „outen“, schreckt die LehrerInnen vom Einsatz dieser Unterrichtsmittel ab.
    Auch wenn inzwischen in der Lehrerausbildung Seminare zu Neuen Medien und E-Learning angeboten werden - die im Beitrag angesprochene technische Kompetenz, die vonnöten ist, um mit Neuen Medien erfolgreich umzugehen, wird leider nicht an den Universitäten vermittelt. Man geht wohl davon aus, dass sich die Studierenden diese Kenntnisse im Laufe ihres Studiums schon selbst aneignen werden. Würden die (angehenden) Lehrer über bessere technische Kenntnisse verfügen, könnten sie auch viele Softwareprobleme selbst lösen. Wie im Beitrag angesprochen, behindert nichts so sehr den Unterricht, wie schlecht oder gar nicht funktionierende Technik. Soll sich die digitale Revolution im Klassenzimmer vollziehen, sollten die Schulen Unterstützung von einem IT-Experten bekommen, der sich um einen einwandfreien Zustand der Geräte und um aktuelle, fehlerfrei funktionierende Software kümmert und bei Problemen schnell zur Stelle ist. Nichts macht so viel Mut zum Ausprobieren neuer Technik wie das Bewusstsein, dass im Notfall jemand mit Rat und Tat zur Stelle ist und man nicht hilf- und planlos vor dreißig feixenden Schülern steht.
    Was in jedem Unternehmen selbstverständlich ist, nämlich die Instandhaltung der technischen Arbeitsmittel, sollte im digitalen Zeitalter auch für die Schule gelten.

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